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Warum tut ihr nichts?

Ich steh vor der neuen Schule und seh hoch zur Tür,
die Treppe nach oben wirkt endlos, was mach ich nur hier.
Bin der Neue, in mei‘m Bauch fühlt sich’s an wie‘n Stein,
find ich hier endlich Freunde, bleib ich wieder allein?
Mein Vater schuftet hart, dass es für uns beide so reicht,
meine Mutter ist weg – das macht das Ganze nicht leicht.
Doch keiner hier weiß das, hier kennt niemand mein Leid,
ich spür diese Kälte während meiner gesamten Schulzeit.

In der Pause steh ich da, doch keiner will mich seh’n,
weil auf meinen Sachen keine Markennamen steh’n.
Ey, das ist doch der Penner, mit den billigen Schuh‘n,
sie schreien und meinen ich sei so ein Hurensohn.
Einer spuckt mich an, der and’re schubst mich weg,
ihr Lachen wird lauter, ich fall mit dem Gesicht in den Dreck.
Ich steh auf und geh weg, frag mich, wann endlich jemand was sagt,
doch keiner will sehen wie mich die Angst jeden Tag jagt.

Warum tut ihr nichts? Warum sieht mich hier niemand?
Warum bleibt ihr ruhig, wenn ich fast nicht mehr kann?
Wo bleibt die Hilfe, warum bleibt die Welt um mich stumm,
jeden Tag gibt’s auf’s Maul, doch keiner dreht sich um.
Warum ist die Stille um mich herum so laut?
Ich fühl Wertlosigkeit sie wird mir mehr und mehr vertraut.
Und die Angst raubt mir die Luft, und keiner kapiert,
was passiert, wenn NOCH mehr passiert.

Mein Dad kommt nach Haus‘, doch ich lieg schon lange im Bett,
er merkt nicht, dass ich kaputtgeh’, er hat selbst genug Stress.
Poste ein Bild, drunter schreib ich Vermiss dich, Mum,
einer aus der Schule sieht’s und jetzt bin ich richtig dran.
Am nächsten Tag in die Hölle, ich hör noch immer den Satz:
Hat dich deine Mutter verlassen, weil sie dich nicht wollt?"
Alle lachen und gröhlen, jeder zeigt mit dem Finger auf mich,
ich renn weg, ihr Lachen bleibt, ich entkomm ihnen nicht.

Ich lauf und lauf, bis ich die S-Bahn seh’,
da ist niemand außer mir, und in mir tut alles weh.
Die Worte hallen nach, verfolgen mich wie ein Chor,
auch die Worte der Lehrer: Lern’s allein, hab ich noch im Ohr.
Ich geh weiter und weiter, Schritt für Schritt,
am Bahnsteig der S-Bahn weiß ich es gibt kein Zurück
Ich steh an der Bahn, schließ die Augen ganz fest,
und frag mich zuletzt, ob mich irgendjemand vermisst.

© 2025 Jonas M. Klee / Michael Bezold

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